Ein Tag Fortuna: Ein Tag Heimat und Familie.

Autor & Fotograf: Jonny Müller dokumentiert Fußballkultur im Westen – Menschen, Orte und Geschichten rund um den Spieltag.

Ich bin ein bisschen nervös.

Nicht wegen des Spiels, denn das ist noch Stunden entfernt, sondern weil es jetzt losgeht.

Ich stehe in Düsseldorf vor der Brauerei Schumacher und soll fremde Menschen ansprechen. Einen Spieltag lang möchte ich der Frage nachgehen, was Fortuna Düsseldorf eigentlich mit der Stadt und ihren Menschen macht.

Keine klassische Sportreportage, keine reine Stadionfotografie. Ich möchte die Menschen, Orte und Geschichten, die rund um einen Verein entstehen dokumentieren. Fußballkultur in ihrer reinen Form – Jetzt muss ich nur noch anfangen.

Meinen Auto hab ich in Oberkassel stehen lassen und fahre mit der Bahn und er Stadt. Schon morgens begegnen mir die ersten Fortuna-Fans in der U75 - wir fahren über die Oberkasslerbrücke über den Rhein. Die Gedanken schweifen ab, wir tauchen in den Untergrund ab und ich frag mich was da auf ich zukommen wird.

An der Oststraße steige ich aus. Die Brauerei Schumacher kommt näher. Hier wird seit fast 200 Jahren Altbier nach alter Tradition gebraucht. Es ist einer der beliebtesten Treffpunkte der Fortuna-Fans. Draußen stehen Jung und Alt an den Stehtischen. Sie trinken, quatschen, begrüßen sich. Immer mehr kommen dazu.

Ich spreche drei Jungs an. Sie erzählen mir, dass sich hier bei Auswärtsspielen oft die Fans treffen. Wenn Fortuna unterwegs ist, ist die Oststraße manchmal so voll, dass kaum noch etwas geht. Ich erzähle ihnen von meinem Projekt zur Fußballkultur. „Wegen des Fußballs bist du dann wohl eher nicht hier“, scherzen sie. Erwischt! Ich ziehe weiter.

Auf dem Weg in die Altstadt treffe ich Michael und Jürgen. Sie kommen beide aus Krefeld und Michael erzählt mir, dass er früher Bayern-Fan war. Irgendwann wurde die Distanz zum Verein zum Problem. Zu weit weg, zu teuer, zu gering die Chancen ins Stadion zu kommen. Dann wurde es Fortuna. Zwölf Jahre KFC Uerdingen haben die beiden ebenfalls hinter sich, dazu viele Auswärtsfahrten. Fußball haben sie also schon ziemlich lange im Gepäck. Jetzt stehen sie hier.

Die Altstadt ist inzwischen rappelvoll. Die Fußgängerzone füllt sich immer weiter. Ein paar Polizisten stehen herum, ansonsten ist es erstaunlich friedlich und gemütlich. Jung und Alt stehen zusammen und klönen. Ich spüre immer mehr, dass es mehr als das Spiel um 14 Uhr ist, dass hier alle verbindet.

An der Rheinpromenade treffe ich auf eine Gruppe Jungs. Sie erzählen mir, dass sie gerade von den Stehern in den Sitzblock gewechselt sind. Auswärts fahren sie trotzdem noch. Einer von ihnen spricht darüber, wie sich Fußball für ihn verändert hat. Streaming-Abos, Kommerzialisierung, Überwachung. Der Fußball entferne sich immer weiter von den Menschen.

Vielleicht ist das der Widerspruch, der diesen Tag begleitet. Der Fußball wird immer größer und gleichzeitig suchen die Menschen wieder nach dem Kleinen: Nach dem Büdchen, der Kneipe, der Auswärtsfahrt und den Leuten, mit denen man sich seit Jahren trifft.

Viele sind über ihre Eltern zu Fortuna gekommen. Sie haben über Fortuna Freunde fürs Leben gefunden - manche sogar ein ganzes soziales Umfeld.

Am Fortuna Büdchen ist es voll. Auf der Mauer am Rhein sitzen Fans in der Sonne, Bier in der Hand. Es wird erzählt, gelacht und diskutiert. Das Wetter könnte kaum besser sein: knapp 20 Grad, Sonne und Wolken wechseln sich ab. Der Inhaber erzählt mir, dass gelegentlich auch Fortuna-Spieler vorbeikommen.

Ein paar Meter weiter lerne ich Neno kennen. Er ist Kroate und kam 1999 nach Düsseldorf und was er an der Stadt besonders mag, ist ihre Offenheit.

Neno berichtet von seiner ersten Begegnung mit Fußball und Düsseldorf auf den Rheinwiesen

Beim Fußball auf den Rheinwiesen hat er damals als er in die Stadt kam Kroaten, Serben und Bosnier aus seinem Viertel kennengelernt, die trotz des damaligen Krieges gemeinsam gespielt haben. Diese Gemeinschaft findet er auch in seinem Viertel wieder und dort direkt Anschluss. Düsseldorf ist jetzt seine Heimat, Fußball ist seine Heimat, Fortuna ist seine Heimat.

Ich spüre was Fußball hier mit den Menschen macht. Nicht nur, weil man denselben Verein liebt, sondern weil man plötzlich Menschen kennenlernt und so eine Gemeinschaft, ein Gefühl von Heimat entsteht.

“Vier Peter sind einer zu viel”

Einer der vier Peters - jetzt beflockt er sein Trikot mit “Jonny”

Neben Neno stehen Klaus und seine Jungs. Wir kommen schnell ins Gespräch und Klaus stellt mir jemanden vor: „Der heißt Jonny. Aber das ist nur sein Spitzname.“ Ich frage, wie es dazu gekommen ist. Die Geschichte ist schnell erzählt: Alle haben früher Handball gespielt. In der Mannschaft gab es vier Peters.

Einer war offenbar zu viel und so wurde aus Peter irgendwann Jonny. Hubert ergänzt trocken: „Am Ende hieß keiner mehr Peter.“ Ich muss lachen.

Und plötzlich stehe ich mitten in einer Geschichte über Fußball, Freundschaft und Spitznamen, obwohl eigentlich niemand über Fußball spricht.

Vielleicht ist genau das der Punkt.

Langsam wird es Zeit aufzubrechen. Ich verabschiede mich und mache mich auf den Weg zum Stadion. Unterwegs treffe ich Lott und Jakob, die beide aus Kleve kommen und vor einigen Jahren nach Düsseldorf gezogen sind. Ein Paar, das sich schon vorher kannte, die Liebe zueinander ist dann hier in Düsseldorf entstanden und verbindet sie wie die zur Fortuna.

Dann geht es weiter: Ich schnapp mir einen E-Scooter und lass mich mit dem Pulk an Fahrradfahrern den Rhein entlang Richtung Stadion trieben. Immer mehr Fahrräder, Schals, Trikots und irgendwann bin ich einfach mittendrin.

Im Stadion angekommen, ist von der entspannten Atmosphäre am Rhein nichts mehr übrig. 35.000 Düsseldorfer und rund 14.000 Duisburger mach Lärm. Über Ober- und Unterrang der Südkurve zieht sich die Fortuna-Choreografie: „Wir sind Fortuna, wir könne alles.“ Alles in Rot und Weiß, es wimmelt von Fahnen und Luftballons. Gegenüber eine riesige MSV-Choreografie die auch über den gesamten Ober- und Unterrang geht: „Der Abschaum aus der Nachbarschaft.“ Dazwischen: eine erstaunlich friedliche Atmosphäre.

Wir sind Fortuna! Wir können alles!

Dann beginnt das Spiel und kann mit dem bisherigen Tag zunächst nicht ganz mithalten. Der MSV geht zu Beginn der zweiten Halbzeit in Führung. Wenig später gleich Düsseldorf aus. Das Spiel plätschert vor sich hin. Dann die 86. Minute. 2:1! Die Fortuna spielt mittlerweile auf ihre Südkurve zu und das Stadion explodiert.

Die nächsten zehn Minuten fühlen sich an wie eine Ewigkeit. Duisburger Freistöße am Düsseldorfer Strafraum lassen die Fans zittern und sehnsüchtig auf das Ende warten. Dann kommt er endlich, der erlösende Pfiff. Jubel, Erleichterung - man liegt sich in den Armen! Und plötzlich singen alle gemeinsam „An Tagen wie diesen“.

Die Toten Hosen gehören zu Düsseldorf wie Fortuna. Die Band hat den Verein mit zwei großen Aktionen einst vor dem finanziellen Aus bewahrt. Diesmal ist keine Rettungsaktion nötig. Diesmal reicht ein spätes 2:1.

Etwas was bleibt, wenn das Spiel vorbei ist

Draußen treffe ich die Jungs von der Rheinpromenade wieder. Sie sind glücklich! „Jetzt wäre auch ein Foto okay“, sagt einer. Am Mittag wollten sie noch lieber einfach reden. Jetzt ist der Moment da, dann geht es gemeinsam zur Bahn. Beim Warten wird gequatscht, niemand drängelt und man nimmt Rücksicht aufeinander.

In der Bahn wird gesungen, Kinder albern herum, Erwachsene erzählen sich die letzten Minuten noch einmal. Es ist eine große Familie auf dem Heimweg. Ich steige in der Altstadt aus und mache mich wieder auf den Weg nach Oberkassel. Diesmal sitze ich allein in der Bahn. Hier ist kein einziger Fortuna-Fan, sie feiern gemeinsam in der Stadt.

Meine Gedanken schweifen ab und mir wird klar, dass das Spiel eigentlich nur der Mittelpunkt einer viel größeren Geschichte war. Die Fortuna findet nicht erst im Stadion statt. Sie beginnt morgens in der Bahn, an der Brauerei, in der Altstadt, am Rhein, am Büdchen und lebt in Geschichten über Auswärtsfahrten, Eltern, Liebe und Freundschaften und vier Peters in einer Handballmannschaft weiter.

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